Ein Rückblick auf die digitale NRW Spring School 2021

Alles hängt zusammen? Ein Dilemma kommt selten allein!

 

Im Mai ist das NRW-Regionalprojekt „Ein Teach-a-thon für nachhaltige Hochschulen in Nordrhein-Westfalen“ mit der ersten großen Veranstaltung gestartet. Mit der Unterstützung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und der Stiftung Umwelt und Entwicklung Nordrhein-Westfalen in diesem Projekt, haben wir zum offiziellen Auftakt genau hingeschaut, welche Herausforderungen einer nachhaltigen Entwicklung uns in NRW begegnen. Dabei haben wir uns nicht wie geplant in einen analogen Konferenzraum sondern in ein digitales Umfeld begeben.

Unter dem Motto „Dilemmata der Nachhaltigkeit – Vom Wissen zum Handeln“ konnten 30 Teilnehmende aus dem ganzen Bundesland bequem von ihrem Schreibtisch aus in das digitale netzwerk n Tagungshaus einchecken und sich vom 25. – 28. Mai inhaltlich einem von vier Themen widmen. Dabei wurden zunächst Probleme identifiziert und Zielkonflikte benannt, um darauf aufbauend Visionen für eine nachhaltigere Zukunft zu entwerfen und bestehende Ideen zu konkreten Lösungsansätzen weiterzudenken.

Was sind überhaupt Dilemmata? Auf welchen Ebenen schlagen sie sich nieder und welche Interessen, Hierarchien und Akteur*innen sind darin eingebettet? Diese Fragen waren der Ausgangspunkt für einen intensiven vier-tägigen Lern- und Reflexionsprozess. Unter der Anleitung von Fachreferent*innen und studentischen Moderator*innen in jedem Thema konnten kleine Teilnehmendengruppen Herausforderungen im Bereich Ernährung, Strukturwandel, Mobilität und Digitalisierung erarbeiten und dabei mehrfach über den Tellerrand auf die anderen Themenfelder schauen.

Dafür wurden auch weitere Perspektiven von externen Referent*innen eingebracht: ein Mitarbeiter des Instituts für Ökologische Wirtschaftsforschung sprach über individuelle Rollen und Mehrebenenhandeln für Transformation, eine Vertreter*in der Bildungsinitiative F3_Kollektiv ging auf machtkritische Ansätze ein, ein Pionier aus einem solidarischen Landwirtschaftsbetrieb zeigte im Gespräch mit einer Ernährungsforscherin Möglichkeiten einer nachhaltigen Landwirtschaft auf. Sie und viele andere haben die Diskussionen der Teilnehmenden mit theoretischen Impulsen und Praxisbeispielen angeregt. Wie könnte eine nachhaltige Ernährung und Versorgung funktionieren? Welche Formen der Mitentscheidung gibt es in Strukturwandelprozessen? Was für Kompetenzen braucht es für einen nachhaltigen Umgang mit digitalen Technologien?

In allen Themenbereichen ging es schlussendlich auch um den Einfluss von Kultur und Traditionen, von aktuellen Konsummustern und Ungleichverteilung aber auch um den Stellenwert von Nachhaltigkeit und vorhandene Interpretationen des Begriffs. Dabei wurde deutlich, dass die Themen stark miteinander in Beziehung stehen – darunter z.B. Digitalisierung als Medium für eine nachhaltige Ernährungswende oder Strukturwandel als Chance für eine nachhaltige Entwicklung unserer Fortbewegungspraktiken. Eines verbindet die identifizierten Dilemmata klar miteinander: Sie sind eng an unsere Gewohnheiten geknüpft und um sie anzugehen braucht es ein Zusammenspiel aus Innovation und Exnovation auf allen Ebenen, damit aktuelle Nischenlösungen zum mehrheitsfähigen Status Quo werden können.

Am Ende der Spring School hat sich gezeigt, dass die Herausforderungen komplex bleiben und wir sie als Einzelne sie selten gänzlich erfassen, auch nicht nach einer gemeinsamen Auseinandersetzung über vier Tage. Doch es braucht das (studentische) Engagement der Einzelnen und Bündnisse mit anderen Aktiven von der Zivilgesellschaft bis in die Politik, um sie anzugehen. Unser Status Quo sollte stärker hinterfragt und eine Kultur der Offenheit gegenüber neuen, manchmal unbequemen, irritierenden aber auch mutigen Ideen entwickelt werden.

Teilnehmende betonten, dass die eigene Bildungsarbeit und das Handeln im persönlichen (Hochschul)Umfeld auch in aktuellen Zeiten starke Wirkung entfalten kann. Dies bildet den idealen Ausgangspunkt für den Sprung in unsere Folgeveranstaltung im Spätsommer: Ein Teach-a-thon zur Entwicklung von Lehr-Lern-Formaten für die Hochschulen, um Dilemmata direkt in der Hochschulbildung zu adressieren. Mehr Informationen dazu folgen in Kürze. Einen Überblick des gesamten Projekts gibt es in diesem Blogbeitrag.

Einblicke in die Workshops:

In den Workshops zu diesem Themenbereich wurde vertieft auf Probleme unserer aktuellen Nahrungsmittelproduktion und des Ernährungssystems in Deutschland aber auch darüber hinaus geschaut. Verbindungen zwischen dem Überfluss und der Verschwendung im globalen Norden und dem Mangel im globalen Süden wurden hergestellt und dabei vom übergeordneten Kontext immer wieder zurück aufs Lokale geschaut. Dabei wurden vor allem das aktuelle Konsumverhalten und gängige landwirtschaftliche Praktiken unter die Lupe genommen. Die herausgearbeiteten Challenges sind:

  • Es braucht verbesserte Aufklärungsarbeit dazu, wie lokale Ernährungsweisen mit Welternährung zusammenhängen
  • (Bildungs-)Institution wie Hochschulen, Schulen oder KiTas sollten Verantwortung mitübernehmen und auf nachhaltige Ernährungsangebote setzen, um diese im Alltag zu normalisieren
  • Es braucht Anreize um vom ersten Schritt des individuellen Konsumverhaltens auf dem eigenen Teller zum zweiten Schritt des politischen Handelns zu kommen

Zum Thema Strukturwandel stand die Transformation des Energiesektors und des damit angestoßenen Strukturwandels in den Kohleregionen Nordrhein-Westfalens im Vordergrund. Mithilfe von externen  Inputs und eigenständigen Erarbeitungen wurden die größten Interessenskonflikte herausgearbeitet und in den Kategorien Wirtschaft, Technologien/Ressourcen und Bevölkerung/Kulturelle Wende näher beleuchtet. Vor allem das Dilemmata zwischen Zeitknappheit im Angesicht des Klimawandels und gesellschaftlichen Umbrüchen aber auch Konfliktfeldern zwischen sozial-ökologischen und wirtschaftlichen Zielen. Dabei würden diese Challenges festgehalten:

  • Aufklärungsarbeit rund um Strukturwandel und die Klimakrise sollte nicht primär von der Zivilgesellschaft getragen sondern in allen Bildungsbereichen verankert werden
  • Innovative technologische Lösungen müssen mit begründeter Exnovation einhergehen, um nicht eine Ergänzung zum Alten zu schaffen sondern Energiegewinnung grundlegend zu verändern
  • Entscheidungsgremien in denen Bürger*innen und lokal Betroffene involviert und stimmberechtigt sind sollten auf allen Hierarchieebenen angesiedelt sein, um den Strukturwandel partizipativ zu gestalten
  • Handlungsmöglichkeiten im eigenen Umfeld müssen zugänglicher gemacht werden, um Menschen ein Gefühl der Selbstwirksamkeit in Bezug auf ihre Stadt/Kommune zu geben

Digitalisierung war nicht nur ein eigener Themenbereich sondern auch übergreifend relevant für die Spring School, da sie pandemiebedingt im digitalen Raum stattfand. Digitale Prozesse sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken und in ihrer Verbreitung treten Dilemmata im Bezug auf nachhaltige  Entwicklung auf. Identifiziert wurde vor allem mangelnde Bewusstseinsbildung und Berücksichtigung von digitaler Nachhaltigkeit in der Bildung und trotz dem Erlernen von Kompetenzen, um digitale Technologien zu bedienen, wenig Verständnis für ihre grundlegende Funktionsweise, ihre Herstellung und ihre Auswirkungen im sozial-ökologischen Bereich. Dazu wurden fehlende Kompetenzen, um digitale Nachhaltigkeit an Menschen weiterzutragen, als Barriere identifiziert. Konkrete Challenges sind dahingehend:

  • Von Seiten der Zugänglichkeit zu Technologie aber auch der Kompetenzbildung zur Nutzung dieser braucht es Chancengerechtigkeit für alle, um nachhaltige digitale Angebote in Anspruch zu nehmen
  • Es braucht Bildungsakteur*innen und Multiplikator*innen mit fundiertem Wissen um die Vermittlung von (digitalen) Kompetenzen, um digitale Nachhaltigkeit auf allen Ebenen zu lehren
  • Technologieunternehmen sollten in die Verantwortung genommen werden, entlang ihrer Lieferkette einschließlich der Entsorgung/des Recycling ihre Produkte nachhaltig zu gestalten
  • Das Potenzial von Digitalisierung zur Erreichung der 17 Nachhaltigkeitsziele wird noch nicht ausgeschöpft aber sollte von Entscheidungsträger*innen und Praktiker*innen stärker einbezogen werden und nicht nur Mittel zum Zweck sein

Im Themenbereich Mobilität wurde die Notwendigkeit einer Wende hin zu einem nachhaltigeren Verkehrssystem, in der Stadt ebenso wie im ländlichen Raum, in den Fokus gestellt. Gerade in den Städten verbraucht die steigende Anzahl an Autos Fläche und mindert angesichts des Lärms und der Luftverschmutzung maßgeblich die Lebensqualität. Gleichzeitig ist der private PKW im ländlichen Raum weitesgehend die einzige Alternative, um sich fortzubewegen. Zahlreiche gesellschaftliche Akteure machen Druck, die Mobilität grundlegend zu verändern. Doch der Umbau der Infrastruktur und Veränderungen zugunsten alternativer Verkehrsmittel stoßen häufig auf Widerstand, denn neue Antriebstechnologien wie Elektromobilität und innovative Mobilitätsdienste wie Sharing- und Pooling-Angebote erzeugen neue Zielkonflikte für eine nachhaltigere Mobilität, die es auszuhandeln gilt.

*Dieser Themenbereich wurde aufgrund mangelnder Teilnahme während der Spring School leider nicht bis zum Ende fortgeführt.*

Einblicke in den digitalen Raum: