Mobilität

... aus der themenspezifischen Sammlung zu nachhaltiger Mobilität an Hochschulen

Illustration von Luca Kolenda / Berlin-by-Pen

Hochschulen schaffen seit jeher Räume des kritischen Hinterfragens und gelten als Innovationslabore und Katalysatoren für zukunftsfähige Lebensweisen. Mit diesem Selbstverständnis geht eine hohe gesellschaftliche Verantwortung hinsichtlich einer zukunftsfähigen Ausgestaltung unserer (westlichen) Lebensführung einher. Nicht erst seit dem Aufkommen der Fridays for Future – und der daran anknüpfenden Scientists for Future -Bewegung lässt sich ein zunehmender Anspruch der Mitsprache und Mitgestaltung von hochschulischen Akteur*innen in der (politischen) Nachhaltigkeitsdebatte erkennen. Ein Blick in den vor Kurzem erschienenen Klimaschutzbericht 2019 der Bundesregierung zeichnet ein durchwachsenes Bild und betont die Bedeutung einer zukunftsorientierten Auseinandersetzung speziell im Sektor Verkehr. In den Bereichen Energiewirtschaft, Land- und Abfallwirtschaft oder dem Gebäudesektor gelang es, die Emissionszahlen zu reduzieren. Lediglich im Verkehrssektor lässt die notwendige Kehrtwende weiter auf sich warten und die damit verbundenen steigenden CO2-Emissionen, Lärm- und Schadstoffbelastungen werden in Kauf genommen.

Als Orte der Bildung und Forschung sind Hochschulen für über 700.000 Professor*innen, Dozent*innen, Mitarbeiter*innen und Assistenzkräfte Wirkungsstätten ihrer alltäglichen Arbeit, Forschung und Lehre. Gemeinsam mit den 2,9 Mio. Studierenden, die neben dem Besuch von Lehrveranstaltungen und Seminaren Zeit in Bibliotheken, Mensen oder im Studierendenwohnheim auf dem Campus verbringen, entsteht im Verlauf eines Semesters ein Netzwerk an täglichen Wegen, die Arbeit, Lehre und Forschung mit Wohnen und Freizeit verbinden. Hinzu kommen zahlreiche Wege des Liefer- und Dienstverkehrs sowie die Anreise zu diversen Veranstaltungen. All diese Wege müssen bewältigt werden. Verkehr und Mobilität hat an Hochschulen daher eine zentrale Bedeutung.

Die Frage, wie eine Transformation unserer Mobilität gelingen kann, wird immer drängender. Die Dominanz des Autos im Straßenverkehr führt nicht nur zum Stillstand der Autofahrer*innen selbst – durch Stau und Parkplatzsuche –, sondern belastet auch unsere Umwelt, das Klima und damit uns alle. Bestehende Gewohnheiten, das eigene Auto als Statussymbol und die Verheißung, individuell und unabhängig unterwegs sein zu können, erschwerten in der Vergangenheit die Etablierung nachhaltigerer Lösungsversuche. Bezogen auf den Wissenschaftsbetrieb machen dienstliche Flugreisen einen wesentlichen Teil der hochschuleigenen CO2-Bilanzen – so sie denn bislang überhaupt erhoben werden – aus.[1] Doch seit einigen Jahren bröckelt die Vorherrschaft des Autos und die Stellung von Flugreisen als Indikator einer erfolgreichen Karriere im Wissenschaftsbetreib.[2] Waren es zu Beginn noch Einzelpersonen, studentische Gruppen oder Verbände, ist der Wunsch nach Alternativen zu Flugreisen und der Unabhängigkeit vom eigenen Auto in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Immer mehr Hochschulen erkennen ihre gesellschaftliche Vorbild- und Gestaltungsfunktion an und handeln entsprechend der selbst hervorgebrachten Erkenntnisse – auch in puncto Mobilität. Als ein Ausdruck dessen verstehen wir die weit über 50 Einreichungen, die uns auf den Call for Participation erreichten. Die Resonanz zeigt, dass diese Veröffentlichung einen Nerv trifft. In jüngster Vergangenheit lässt sich ein wachsendes Engagement hinsichtlich der nachhaltigen Ausgestaltung des Mobilitätsverhaltens der Hochschulakteure beobachten.[3] Diesen Schwung und Gestaltungswillen gilt es zu nutzen und mithilfe erfolgreicher Beispiele zu festigen und in der Breite zu etablieren. Hier setzt diese Broschüre an: Erfolgserlebnisse von Projekten, übertragbare Ansätze sowie etablierte Strukturen nachhaltiger Mobilität und der Weg dorthin werden systematisch und nahbar aufbereitet. Hierdurch zeigen wir ganz praktisch Anknüpfungspunkte und Handlungsoptionen für all jene auf, die eine sichere, gesunde und nachhaltige Mobilität an ihrer Hochschule vorantreiben wollen.

Insgesamt 19 Projekte stellen wir in dieser Broschüre vor und lassen diese über ihre Ziele, Herausforderungen und Erfolge berichten. Dabei zeigt sich, wie unterschiedlich die Herangehensweisen sind. Außerdem wird deutlich: Jede Hochschule – egal ob klein oder groß, in der Stadt oder auf dem Land – kann ein Teil der Mobilitätswende sein! Begleitet werden die Porträts von Stimmen aus Wissenschaft und Lehre sowie durch Erkenntnisse von engagierten Studierenden. Die 19 Beispiele haben wir in fünf Themenkapitel gegliedert, die einem imaginären Weg über den Campus einer typischen Hochschule entsprechen.

Hochschulen als verkehrsverursachende Arbeitgeberinnen wirken durch Anreize und Einschränkungen auf das Mobilitätsverhalten der Beschäftigten und der Studierenden. Beginnend mit den rahmengebenden „Leitplanken“ (Kapitel 1) schaffen Ausschüsse, Gremien und Plattformen grundlegende Voraussetzungen für eine gesamtinstitutionelle Verankerung von nachhaltiger Mobilität an Hochschulen. Einige wenige Hochschulen werden durch Mobilitätsbeauftragte bzw. Koordinierungsstellen der Vielschichtigkeit und Tragweite von Mobilitätsfragen gerecht und verankern die Thematik dauerhaft in den universitären Lenk- und Entscheidungsstrukturen. Als eine Pionierin diesbezüglich findet sich die Mobilitätsplattform der ETH Zürich (S. 28) in diesem Kapitel. Die Stabstelle ist auf der universitären Leitungsebene angesiedelt, verfolgt eine verbindliche Zielsetzung, steuert die entsprechenden Maßnahmen und evaluiert regelmäßig deren Wirkung bzw. Erfüllung.

Unter dem Stichwort „Umlenken“ (Kapitel 2) treffen wir auf ein ganzheitliches Mobilitätskonzept und maßgebende Infrastrukturänderungen, die unsere Anreise auf nachhaltigere Bahnen lenken. Dass Hochschulen hierbei unmittelbar in die Verkehrsstrukturen ihrer Umgebung hineinwirken können, zeigt z.B. das gemeinsame Mobilitätskonzept der Universität und Hochschule Osnabrück (S. 42).

Nach einer gelungenen Anfahrt betreten wir nun zum ersten Mal den Campus. Egal mit welchem Verkehrsmittel wir angereist sind: „Ankommen und Wohlfühlen“ (Kapitel 3) wird hier großgeschrieben. Ansprechend gestaltet und als verkehrsberuhigter Bereich angelegt, hat sich durch bauliche Maßnahmen und entsprechender Verkehrslenkung die Aufenthaltsqualität auf dem Campus der Leuphana Universität merklich erhöht (S. 50). An der Universität Hohenheim wurde die Zugänglichkeit der bereits vielfach bestehenden Dusch- und Umkleidemöglichkeit für Radfahrende geschaffen (S. 54). Studentische Selbsthilfefahrradwerkstätten dürften sich an einigen Hochschulstandorten finden. Die TU Darmstadt bietet darüber hinaus an dieser Stelle Seminare und Workshops an (S. 62), die Universität Hannover kombiniert Werkstatträume mit einem Café und einem Pedelec-Verleih (S. 58).

Kurz auf den Campusplan geschaut, geht es weiter zur ersten Lehrveranstaltung. Dabei stellen wir fest: Ein deutlicher „Spurwechsel“ (Kapitel 4) hat stattgefunden: Neue Medien wie Podcasts (S. 76) und interdisziplinäre Lehre an der TU Berlin (S. 68) als Kontrast zur klassischen Verkehrsplanung zeigen wegweisende Ansätze für eine zukunftsfähige Mobilitätslehre.

Gefüllt mit neuem Wissen und Ideen möchten wir abschließend im Grünen ausspannen und den „Rückenwind“ (Kapitel 5) spüren. Die Etablierung einer „Schönen Radroute“ an der Leuphana Universität Lüneburg (S. 84) zeigt Pendler*innen per interaktiver Karte die Reisequalität per Rad zur Hochschule auf. Die Universität für Bodenkultur Wien macht deutlich, wie eine Hochschule durch einen vergünstigten Zugang zu hochwertigen Fahrrädern im nachhaltigen Sinne auf das Mobilitätsverhalten der Studierenden und Mitarbeitenden einwirken kann. An der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde wurden die Synergien zwischen Klimaschutz und Mobilität erkannt und durch die Einführung eines klimaneutralen Semestertickets genutzt (S. 92).

Die gesamte Sammlung zeigt eindrücklich: Die Auseinandersetzung mit Mobilität an Hochschulen wird diverser, sie wird politischer und sie fördert Lösungen zutage, die über rein infrastrukturelle Maßnahmen hinausgehen. Noch ist diese Vorstellung in ihrer Gesamtheit nur an wenigen Hochschulen Realität. Wir sind uns aber sicher, dass sich das zukünftig ändern wird. Diese Broschüre soll einen Beitrag dazu leisten, die verschiedenen Akteur*innen an Hochschulen untereinander zu vernetzen, deren Ansätze zu verbreiten und Interessierten Impulse für die Etablierung nachhaltiger Mobilitätsprojekte zu bieten. Als ideengebende und anleitende Handreichung soll sie Ihnen bzw. Euch – d.h. Studierenden, Verwaltungsmitarbeiter*innen, Nachhaltigkeitsbeauftragten und Mobilitätsinteressierten – Mut machen, sich für eine nachhaltigere Mobilität vor Ort einzusetzen.

In diesem Sinne wünschen wir Ihnen und Euch durch die Lektüre Inspiration für neue Ideen, Mut und Motivation, diese umzusetzen, sowie natürlich viel Freude am Ergebnis.

[1] Beispielsweise verursachen dienstliche Flugreisen nahezu die Hälfte der gesamten Treibhausgasemissionen der ETH Zürich [vgl. Sustainability Report 2017/2018, ETH Zürich].

[2] Eine treibende Kraft zur Reduktion von dienstlichen Flugreisen an Hochschulen ist die schwedische Professorin Kim Nicholas, die auf ihrem Blog fortlaufend Forschungsergebnisse und Publikationen bereitstellt [kimnicholas.com]. Das Netzwerk „Roundtable of Sustainable Academic Travel“ entwickelt sich ausgehend von Irland seit 2018 und umfasst weltweit mittlerweile mehr als 100 Institutionen [businesstravelroundtable.ac].

[3] Im Sommer 2018 wurde die Selbstverpflichtung „Unter 1000 mach ich’s nicht“ von der Initiative Scientists for Future gegründet. Mittlerweile haben sich über 4.000 Wissenschaftler*innen aus Deutschland dazu bekannt, für Strecken unter 1.000 km generell auf Flugreisen zu verzichten [Stand Okt. 2020, siehe unter1000.scientists4future.org]. Bezogen auf den Hochschulbetrieb forderte auch die Mitgliederversammlung der Hochschulrektorenkonferenz im November 2018 eine nachhaltige Ausrichtung der Mobilitätsstrukturen [„Für eine Kultur der Nachhaltigkeit“, HRK 2018].

Stöbere in Good Practices zu nachhaltiger Mobilität

Koordinierungsstelle Mobilität
Koordinierungsstelle Mobilität
Klimafreundliche(re) Dienstreisen
Klimafreundliche(re) Dienstreisen
Senatsausschuss Mobilität
Senatsausschuss Mobilität
Mobilitätsplattform
Mobilitätsplattform
MOVE Mobilitäts- & Verkehrsstrategie
MOVE Mobilitäts- & Verkehrsstrategie
Intelligenter Parkraumzugang
Intelligenter Parkraumzugang
Grüner Campus – Mobilitätskonzept Campus Westerberg
Grüner Campus – Mobilitätskonzept Campus Westerberg
Verkehrsberuhigter Campus
Verkehrsberuhigter Campus